Was passiert, wenn ein Gründer nach Jahren der intensiven Aufbauarbeit operativ aussteigt? Und sich später entschließt, seine Anteile im Rahmen eines strategischen Exits, also des geplanten Verkaufs der eigenen Unternehmensanteile, zu veräußern? Alexander Stoffers hat genau diesen Weg beschritten. Er ist Mitgründer von Modell Aachen und aktiver Gründer von nextAudit. Im Interview spricht er über seine Erfahrungen beim EXIT, seine Rolle als Investor und darüber, was andere Gründer:innen daraus lernen können.
Alexander, du hast mit Modell Aachen ein erfolgreiches Unternehmen mitgegründet und vor Kurzem deine Anteile verkauft. Wie kam es zu dieser Entscheidung?
Modell Aachen haben wir bereits 2009 zu fünft gegründet, aber wie das bei vielen Startups so ist, hat sich der Cap Table, also die Übersicht der am Unternehmen beteiligten Gesellschafter und ihrer jeweiligen Anteile, über die Jahre verändert. Ich selbst bin 2018 operativ ausgestiegen. Gleichzeitig habe ich mein neues Unternehmen nextAudit im Bootstrapping aufgebaut – also ohne externe Finanzierung.
Als sich bei Modell Aachen die Chance bot, mit Fortino Capital einen strategischen Investor an Bord zu holen, war für mich klar, dass ich meine Anteile – zumindest zum größten Teil – verkaufen möchte. Der EXIT, also der bewusste Ausstieg durch Anteilsverkauf, hat mir nicht nur ermöglicht, finanziell etwas vom Tisch zu nehmen, sondern auch Raum geschaffen, um nextAudit weiter voranzubringen.
Was hat den Investoreneinstieg bei Modell Aachen aus deiner Sicht sinnvoll gemacht?
Zwei Dinge: Auch wenn Modell Aachen in seinem Segment Marktführer ist, gibt es einige Anbieter und es zeichnet sich ein Konsolidierungsprozess ab. Mit einem Investor im Rücken kann man eine aktive Rolle spielen. Zweitens bieten sich in der Kombination von Management-Systemen und Agentic AI sehr große Potentiale für die zukünftige Entwicklung. Ein Investor kann da den nötigen Hebel bieten.
Für alle Beteiligten war der Einstieg von Fortino eine Win-Win-Situation: Die aktiven Gesellschafter können nun mit Rückenwind weiter wachsen, wir passiven Gesellschafter haben unsere Risiken reduziert, und auch für Mitarbeitende und Kund:innen hat sich dadurch Stabilität und neue Dynamik ergeben.
Wie hast du den EXIT persönlich genutzt?
Nach dem Kauf einer neuen Espressomaschine habe ich sofort Kapital allokiert, um in nextAudit zu investieren – im ersten Schritt über eine Kapitalerhöhung zur GmbH. Interessant war, dass allein die Möglichkeit zu investieren mein eigenes Mindset verändert hat: Ich bin risikobereiter, mutiger, ambitionierter, weil ich ein großes Sicherheitsnetz habe.
Außerdem konnte ich mein persönliches Ziel umsetzen, in Aachener Startups zu investieren – und das nicht nur inhaltlich über Mentorings oder Erfahrungsaustausch sondern über ein Investment: Durch einen langjährigen Kontakt beim TechVision Fonds ergab sich genau zur richtigen Zeit eine Möglichkeit zur Beteiligung, die ich sehr gerne genutzt habe.
Wenn ich bei nextAudit weniger operative Verantwortung trage, werde ich versuchen dieses Engagement weiter auszubauen. Ich möchte mich dann wieder stärker im Aachener Startup Ökosystem einbringen.
Was würdest du Gründer:innen raten, die über eine EXIT-Strategie nachdenken?
Ganz klar: Bereitet euch gründlich vor – nicht nur inhaltlich, sondern auch organisatorisch. Dazu gehören:
Und ganz wichtig: Erwartet nicht, dass man schnell von der Gründung zum EXIT kommt. Die allerwenigsten Gründer schaffen das in unter 10 Jahren.
Gab es im Nachhinein Dinge, die du anders machen würdest?
Zum Glück ist bei uns vieles gut gelaufen. Aber rückblickend war es leichtsinnig, ohne klaren Gesellschaftervertrag zu starten. Ich hätte z.B. im letzten Moment noch alles blockieren können. Das war offen gestanden einfach nicht professionell geregelt.
Und: Der EXIT darf meines Erachtens kein Selbstzweck sein. Richtig eingesetzt kann ein EXIT-Ziel zum Treiber einer guten Unternehmensentwicklung werden. Wer ihn zu früh plant oder nur noch auf den EXIT schielt, verpasst vielleicht den richtigen Zeitpunkt oder verliert den Fokus aufs Produkt. Für uns stand ein EXIT in unseren ersten Jahren gar nicht zur Diskussion.
Welche Rolle hat das regionale Ökosystem – speziell der digitalHUB Aachen – für dich gespielt?
Bei Modell Aachen noch keine große – wir haben vor der Gründung des digitalHUB gestartet. Gerade unser gutes Netzwerk durch das Werzeugmaschinenlabor der RWTH Aachen hat uns am Anfang wichtige Reputation gebracht und uns sehr geholfen. Von einem guten Ökosystem und guten Kontakten kann jede:r Gründer:in profitieren. Beim digitalHUB Aachen waren wir letztlich sogar Gründungsmitglied.
Für nextAudit war der digitalHUB dann umso wichtiger. Ohne große Bürokratie konnten wir starten, hatten einen festen Arbeitsplatz und vor allem: Zugang zu einer lebendigen Community aus Gründer:innen. Der Austausch, die Nähe, die kurzen Wege – das war Gold wert in der frühen Phase.
Du hast den Standort Aachen im Blick – was braucht es aus deiner Sicht, damit mehr Startups bleiben?
Aus meiner Perspektive liegen die größten Herausforderungen in den Möglichkeiten der Lebensgestaltung. Gerade wenn ich als Softwarestartup quasi überall arbeiten kann, zählen weiche Faktoren wie Familienfreundlichkeit, Kita-Plätze, günstiger Wohnraum, Lebensqualität aber auch das Gefühl an einem coolen pulsierenden Ort zu sein viel. Wenn wir wollen, dass Gründer:innen langfristig bleiben, müssen wir auch das mitdenken.
Alexander Stoffers ist Aachener, Ingenieur, begeisterter Gründer und immer gerne in Bewegung – ob zu Fuß, in der Luft oder auf dem Meer. Als Gründer von nextAudit digitalisiert er mit der AuditCloud unternehmensinterne und -übergreifende Auditprozesse. Als Mitgründer der Modell Aachen GmbH konnte er schon mit dem interaktive Managementsystem Q.wiki neue Impulse im Qualitätsmanagement setzen.

Alexander Stoffers, Gründer nextAudit und Mitgründer Modell Aachen GmbH