Startup kauft Startup: Learnings aus unserer ersten Übernahme

Im Oktober haben wir mit anny zum ersten Mal ein Unternehmen gekauft: HiDesk, ein junges KI-Startup aus Köln. anny ist bootstrapped, und noch vor einem Jahr hätten wir nicht gedacht, dass wir so bald beim Notar einen Kaufvertrag unterschreiben. Für Florestan und Jeremy, die HiDesk gegründet haben, war es der erste Verkauf, für uns der erste Kauf. Keiner von uns hatte Investoren im Rücken, die so etwas schon zehnmal gemacht haben. Als ich nach Erfahrungsberichten gesucht habe, fand ich fast nur Texte über Konzerndeals. Deshalb schreibe ich hier auf, was wir gelernt haben und was ich anderen Gründern und Mittelständlern empfehlen würde.

Wie alles anfing

Mein Mitgründer Simeon und ich kennen Florestan schon lange aus dem Kölner Netzwerk. 2025 hat er zusammen mit Jeremy HiDesk gegründet. Wir haben das von Anfang an verfolgt, mit viel Respekt vor ihrem Tempo. Nach einem Jahr hatten sie über 250 Kunden und Partner, wuchsen um rund 20 Prozent im Monat und waren schon profitabel.
Irgendwann merkten wir, dass unsere Kunden uns dieselbe Frage stellten, nur von zwei Seiten. Bei anny hieß es: Können meine Kunden nicht einfach anrufen und buchen? Bei HiDesk: Kann eure KI auch buchen, stornieren und unsere Regeln kennen? Also haben wir erst einmal das Naheliegende gemacht: eine Partnerschaft, eine Schnittstelle, gemeinsame Kunden.

Partnerschaft, selbst bauen oder kaufen?

Die Partnerschaft lief gut, aber wir haben schnell gemerkt, wo sie an ihre Grenzen kommt. Zwei Firmen, zwei Roadmaps, zwei Prioritätenlisten, und dazwischen eine Schnittstelle, über die man jede Kleinigkeit abstimmen muss. Also haben wir die drei Optionen ehrlich durchgespielt: so weitermachen, selbst bauen oder kaufen.

Entscheidend war die Frage, was wir eigentlich erreichen wollen. Ein KI-Telefonassistent, der buchen kann, war uns zu wenig. Wir wollten Arbeit und Prozesse mit KI ganz neu denken, in unserem gesamten Produkt. Einiges davon ist schon live, vieles ist gerade in Entwicklung. Für so ein Ziel reicht keine Schnittstelle. Dafür braucht es ein Team, das jeden Tag gemeinsam daran baut.

Selbst bauen hätte bedeutet, KI-Know-how aufzubauen, das gerade alle suchen, und dabei Monate zu verlieren. So weitermachen wäre bequem gewesen, aber langsam. Am Ende hat uns das Team überzeugt. Diesen Drive bekommt man nicht über eine Partnerschaft und auch nicht über ein paar Neueinstellungen.

Mein Rat: Fragt euch vorher, was ihr eigentlich kaufen wollt. Geht es nur um Technologie, reicht oft eine Lizenz. Geht es um Kunden, vielleicht eine Vertriebspartnerschaft. Wenn ihr aber ein Team wollt, das langfristig mit euch baut, dann kauft und beteiligt es richtig.

Bargeld, Anteile oder beides?

Über Geld redet man nicht gern, schon gar nicht in einem Blogbeitrag. Bei unserem Deal bleibe ich deshalb bewusst allgemein, die Optionen kann ich aber teilen. Im Kern gibt es drei Bausteine: eine Barzahlung, Anteile am kaufenden Unternehmen und Komponenten, die an die Zukunft geknüpft sind.

Meine Empfehlung, wenn die Gründer an Bord bleiben: Macht eine Mischung. Mit dem Baranteil würdigt ihr, was das Team schon aufgebaut hat. Mit Anteilen macht ihr aus Verkäufern Mitgesellschafter, die genauso vom gemeinsamen Erfolg profitieren wie ihr. Und eine langfristige Komponente sorgt dafür, dass es auch in drei oder vier Jahren noch für alle passt.

Bei der Frage, wie man beteiligt, habe ich eine klare Meinung: Bevorzugt echte Anteile statt ausschließlich virtueller Programme oder Optionen, die erst über Jahre vesten. Virtuelle Modelle sind schneller aufgesetzt und fühlen sich für den Käufer sicherer an. Für die Beteiligten sind sie aber oft steuerlich ungünstig, rechtlich weniger greifbar und vor allem: Sie fühlen sich nicht nach Eigentum an. Wer echte Anteile hält, sitzt mit am Tisch. Genau das wollten wir. Klare Regeln für den Fall, dass jemand doch geht, gehören trotzdem in den Vertrag.

Der Prozess: Früh fragen statt perfekt planen

Am meisten überrascht hat uns, wie schnell wir uns beim Wichtigsten einig waren. Über Vision und Werte, also wo wir hinwollen und wie wir zusammenarbeiten, mussten wir kaum diskutieren. Das hat sich nach ein paar Gesprächen einfach richtig angefühlt.

Länger gedauert hat alles, was danach kam: die Details mit Anwälten und Steuerberatung, die Gesellschaftervereinbarung, der Notartermin. Jede Abstimmungsrunde zwischen allen Beteiligten kostet ein paar Tage, und davon gibt es mehr, als man denkt.

Einen Fehler würden wir nicht noch einmal machen: Wir haben anfangs viel selbst durchdacht, auch mit KI-Tools. Das hilft, um Begriffe zu verstehen und die richtigen Fragen zu stellen. Es verleitet aber dazu, Strukturen zu bauen, die auf dem Papier clever aussehen und die in der Praxis niemand braucht. Die beste Frage an unsere Berater war am Ende ganz simpel: Was ist hier Best Practice, und was ist für alle Seiten pragmatisch?

Was wir heute anders machen würden

Wenn wir noch einmal anfangen könnten, würden wir die Berater viel früher dazuholen. Nicht erst, wenn die Eckpunkte stehen, sondern sobald die Idee konkret wird. Das erspart Umwege und Modelle, die später steuerlich oder rechtlich nicht tragen, und man bekommt einen realistischen Zeitplan.

Meine drei Tipps für alle, die zum ersten Mal ein Unternehmen kaufen:

  • Klärt zuerst Vision und Werte. Wenn das passt, findet ihr für den Rest eine Lösung.
  • Holt euch früh Rat und fragt nach dem pragmatischen Standard, nicht nach der perfekten Konstruktion.
  • Plant für Recht und Steuern doppelt so viel Zeit ein, wie ihr denkt.

Nach dem Closing: Aus zwei Teams wird eins

Seit Oktober ist HiDesk Teil von anny, und die beiden Gründer sind mit an Bord. Die ersten Wochen haben sich weniger nach Integration angefühlt als nach einem Team, das endlich ohne Schnittstelle dazwischen arbeitet. Gemeinsam haben wir schon die ersten KI-Funktionen live gebracht: einen KI-Agenten, der Buchungsseiten einrichtet, KI-Chats und einen KI-Telefonassistenten, der direkt im Buchungssystem bucht. Was wir als Partner über Wochen abstimmen mussten, entscheiden wir heute am selben Tisch.

Was dabei am meisten zählt: sich auf Augenhöhe begegnen. Florestan und Jeremy schauen mit frischem Blick auf vieles, was wir bei anny seit Jahren so machen, und stellen es auch mal infrage. Das ist nicht immer bequem, aber fast immer gut fürs Produkt. Mein Rat an alle Käufer: Lasst kein Ego dazwischenkommen. Wer ein Team kauft und dann alles beim Alten lässt, verschenkt den größten Wert der Übernahme.

Wenn wir eines mitnehmen, dann das: Firmenkäufe sind nicht nur etwas für Konzerne und Investoren. Auch ein bootstrapped Startup oder ein Mittelständler kann über einen Zukauf schneller wachsen, wenn Team und Vision passen und man die Umsetzung pragmatisch hält. Vor zwei Jahren hätten wir das selbst nicht geglaubt.

Über den Autor

Lucian Holtwiesche (29) ist CEO und Mitgründer von anny. Er hat das Kölner Softwareunternehmen 2020 mit Simeon Holtwiesche und Adriaan Wind gegründet und bootstrapped aufgebaut. Heute machen über 1.500 Unternehmen mit anny Räume, Arbeitsplätze und Termine buchbar.

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